Der Weinberg, die Steine und der Zaun


Wer grundsätzlich der Meinung ist, etwas längere Texte auf Webseiten sind ein einziger Graus, dem sei ein Blick auf die Kurzversion anempfohlen. Alle anderen sind herzlich eingeladen, hier weiterzulesen.

Der Drachenfels, an der Grenze zwischen Königswinter und Bad Honnef gelegen. Teil des Siebengebirges, des ältesten Naturparks Deutschlands.
Der Aufstieg oder die Fahrt mit der ältesten Zahnradbahn Deutschlands wird mit einem herrlichen Blick ins Rheintal belohnt. Der Drachenfels ist eine Ikone der Rheinromantik und eines der nördlichsten Weinanbaugebiete am Rhein.

Wenn man alle Romantik beiseite läßt, handelt es sich letztlich um einen (nicht aufregend hohen) bewaldeten Berg mit teils felsigen Hängen, der seit der Römerzeit (und besonders intensiv im Mittelalter) als Steinbruch genutzt wurde. Und der Berg macht das, was alle Berge seit Anbeginn der Zeiten machen. Er bröckelt manchmal.

Anfang der 1970er Jahre wurden in einer größeren Aktion 89 Felsanker und 250 Kubikmeter Stahlbeton als Teilkorsett verbaut, um den Fels an gefährdeten Stellen weitmöglichst stabil zu halten. Ungefähr zur gleichen Zeit erhielten die Weinberge im Rahmen einer Flurbereinigung ihren heutigen Zuschnitt.

2002 mußte der obere Weinbergweg wegen Steinschlag gesperrt werden. Die nächsten Felsbrüche gab es 2005 und 2009. Im Januar 2011 schließlich löste sich im Bereich des Siegfriedfelsens ein mehr als 6 Tonnen schwerer und 2,4 Kubikmeter umfassender Brocken, polterte in den Weinberg und blieb auf dem Weg liegen. Wieder wurde der Weg gesperrt. In der Folgezeit gab es mehr oder weniger hitzige Diskussionen zwischen den beteiligten Kommunen, dem Trägerverein des Naturparks, Bürgervereinen, Lokalpolitikern, Naturschützern und den Erwerbswinzern vom Drachenfels, wer eigentlich warum wofür zuständig und in der Pflicht sei.

Zwischenzeitlich trat der Geologische Dienst des Landes NRW auf den Plan und fertigte ein Gutachten über die zukünftige Standfestigkeit am Siegfriedfelsen an. Die Folge davon war dann im Sommer 2013 der Auftritt des Amtes für Arbeitsschutz der Bezirksregierung, das für nicht unerhebliche Teile des Weinberges ein sofortiges Betretungsverbot für die Mitarbeiter der Winzer verhängte.

Keine Arbeit an den Rebstöcken? An Blattwerk und Böden? Kein Rebschnitt, kein Pflanzenschutz? Und das auf unabsehbare Zeit? Und vor allem: Keine Ernte der Weintrauben? Wie sollte das gehen?

Und damit beginnt nun unsere eigentliche Geschichte.

Was machen denn die Behörden schon wieder? Hier im Rheinland … das geht ja gar nicht! Kommen und wollen uns sagen, was hier läuft?

In Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat, hätte man vielleicht schon in der folgenden Nacht leichtes Geraschel im Weinlaub vernommen. Vielleicht auch für einen Wimpernschlag mal ein oder zwei fürwitzige rote Zipfelchen zwischen den Reben erblickt.

Tatsächlich jedoch herrschte zunächst einmal allseits ungläubige Ratlosigkeit. Zumal sich schnell abzeichnete, daß jede denkbare Lösung für den Fels und die Weinberge einiges an Zeit brauchen würde. Zeit, die die demnächst zu erntenden Trauben und teilweise auch die Rebstöcke selbst nicht haben würden. Die Ratlosigkeit wandelte sich aber schnell zum Wunsch, aktiv zu werden, einzugreifen, zu helfen.

Wenn die Angestellten der Winzer sich nicht um den Wein kümmern dürfen, machen wir das halt!

Und so zogen dann die ersten Heinzelmännchen und Heinzelfrauchen – heimlich natürlich, wie ihre sagenhaften Namensvettern, und bewaffnet mit Werkzeug aus Haushalt und Garten – in die inzwischen dicht belaubten Weinhänge, um dringend benötigte Arbeiten zu erledigen. Was erstmal nicht ganz so einfach war.

»Abschneiden? Wie jetzt, wo soll ich denn da abschneiden?«
»Irgendjemand hat gesagt, alles über dem oberen Draht!«
»Aha!« *schnipp*

Mund-zu-Mund-Propaganda, WhatsApp-Kommunikation und die ersten Artikel von Lokalreportern, die sich bald investigativ zu den Heinzelmännchen gesellt hatten, sorgten dafür, daß das Grüppchen freiwilliger Helfer von Tag zu Tag wuchs. Im Rückblick waren es schließlich nahezu 140 Leute, die sich irgendwann und irgendwie als Heinzelmännchen im Weinberg betätigten. Alt und jung, Männlein und Weiblein, halbe Familien und einzelne Wanderer. Leute, die gerne im Grünen arbeiten, neben anderen, die im Alltag jede Art von Gartenarbeit weit von sich weisen würden. Manche kamen regelmäßig, manche alle paar Wochen, manche immer mal wieder … nach Lust, Gelegenheit und Bedarf. Und der Bedarf war natürlich enorm, zumindest in der eigentlichen Erntephase. Steilhang, Matsch, strömender Regen, pralle Sonne, randvolle und schwere Kisten, die Reihe rauf, die Reihe runter. Hartes Brot für Heinzelmännchen.

Die Hanglage, ein Bein kurz, ein Bein lang … das war fürchterlich! Ich hab‘ mir abends nur noch das Heizkissen genommen, mich aufs Bett gelegt und gesagt, weg-is-de-liebe-Jong!

Aber die Heinzelmännchen waren richtig fleißig. Und jeden Abend stellten Sie den Winzern die gefüllten Bütten mit den Trauben vor die Tür. Und schließlich waren alle Trauben gelesen und die Ernte eingebracht. Und da es sich wahrlich um einen besonderen Jahrgang handelte, kreierten die Winzer zu Ehren der Heinzelmännchen auch eine spezielle Cuvée.

Eigentlich könnte die Geschichte jetzt hier zu Ende sein. Tatsächlich war aber nur die aktuelle Ernte gerettet, der Schutz vor Steinschlag jedoch noch nicht gelöst. Und somit hatte auch das Betretungsverbot weiterhin Bestand.

Zum Jahreswechsel hin einigten sich schließlich das Land, der Kreis, die beiden Städte, die NRW-Stiftung, der Verschönerungsverein und die Winzer auf ein Finanzierungskonzept für den Bau eines geeigneten Schutzzauns. Aufträge für Fach- und Geotechnische Planungen wurden vergeben, Arbeiten ausgeschrieben, eine ökologische Baubegleitung einbezogen und die Baugenehmigung erteilt. Im August begannen die Bauarbeiten am Schutzzaun, der dann im November offiziell eingeweiht wurde.

August? November? Richtig … die Heinzelmännchen mußten nochmal ran. Ein zweites Mal galt es, die Reben zu schützen und die Trauben zu ernten. Und die Hänge waren immer noch steil und matschig. Strömender Regen und schwül-heiße Sonnentage wechselten sich immer noch ab. Die mit Trauben gefüllten Bütten wogen immer noch schwer. Und der Rücken, die Arme und Beine? Waren immer noch froh über eine Badewanne oder ein Heizkissen am Abend.

Aber begleitet durch neugierige Blicke auf die beständig wachsende Zaunkonstruktion war dann letztendlich auch der 2014er-Jahrgang erfolgreich eingebracht. Von den Winzern erneut durch eine wunderbare Cuvée gekrönt.

Der Guerilla-Wein ist bei mir ein Ehrenwein. Ist ja schließlich auch mein Schweiß mit drin.

Soweit also die Geschichte. Und wie jede gute Geschichte, trägt auch diese weitere interessante und spannende Themen in sich.

Wie und warum wird jemand eigentlich Heinzelmännchen? Was bringt einen dazu, nach Feierabend und am Wochenende (im Extremfall auch mal am frühen Morgen, direkt nach der Nachtschicht) in den Weinberg zu gehen? Was motiviert einen, die eigene Freizeit zu opfern, am Wochenende früh aus den Federn zu hüpfen und bei Wind und Wetter schwere Kisten die Steilhänge rauf und runter zu schleppen? Und dabei auch noch mordsmäßig viel Spaß zu haben?

Spannenderweise hat jedes Heinzelmännchen und jedes Heinzelfrauchen eine eigene Geschichte zu erzählen, mit einer eigenen, persönlichen Sicht der Dinge. Manche freuen sich einfach, der Bürokratie ein Schnippchen zu schlagen, andere wollen in erster Linie den Freunden helfen. Manche werden von ihrem Ehegespons zwangsrekrutiert, andere wollten immer schon mal bei einer Weinlese dabei sein, wieder andere sind immer zugegen, wenn es etwas zu tun gibt. Noch dazu mit der Aussicht auf einen schönen petit-blanc zwischendurch. So unterschiedlich die Motive auch jeweils sein mögen, im Kern geht es immer um Identifikation und Verantwortlichkeitsgefühl, um Solidarität und Unterstützung. Und ganz einfach um den zufriedenstellenden Spaß an gemeinschaftlicher und letztlich erfolgreicher Hilfe.

Und das ist allemal ein Buch wert … ;o)

WSZ-Flyer_V

Der Weinberg, die Steine und der Zaun
Bild- und Textband
Robert Wiegner (Hrsg.), 2016
ca. 148 S., kartoniert, ca. 21 cm x 30 cm
ISBN 978-3-931775-21-6
*** EUR n.n.

Erscheint im Winter 2016 +++