Titelbild: Die Werkzeuge des Graphikers

Bevor es die Computer gab, benutzten Werbetreibende und Graphiker megascharfe Skalpelle, stinkende Filzstifte und lungenschädigende Kleber.
Ralf Zeigermann berichtet über eine analoge Zeit, die heute unvorstellbar archaisch anmutet, die aber trotzdem – und vielleicht gerade deshalb – durchaus vorzeigbare Ergebnisse lieferte.

Emmy hatte die Schnauze voll und schimpfte über den Rottke. Sie trug einen Damenrock, eine Bluse mit Perlenkette und einem Halstuch von Hermes. Braune Lackschuhe mit Schnalle und eine Frisur wie eine englische Lebedame. Emmy war 55 und die schnellste Frau im Atelier. Dann legte sie eine Pappe hin und kippte daneben den halben Eimer über den Tisch. Rasend schnell griff sie zum Rakel und in 3 zackzack Handbewegungen war die Pappe mit Rubbercement beschichtet. Ich mußte nun das erste Repro darauf kleben und sofort, nach einem von Emmy gelernten Geheimtrick, das große Messer der Schneidemaschiene 4x um die Pappe sausen lassen. Es war herrlich anzusehen wie Emmy mit der Zigarette im Mund das Rakel sausen ließ. Pappe um Pappe – Beschimpfung auf Beschimpfung – der Rottke, der Scheer und vor allem der Schirner! Rubbercement tropfte vom Tisch und alsbald flog die 2. Ladung Slime über den Tisch. Um 2 Uhr war mein abgesägter Pappenstapel 2 Meter lang! Überall Asche und Gummi, Emmy wird morgen kündigen.

– Joseph Emonts-Pohl


Ich hatte früher das größte Zimmer der Wohnung als Studio, mit riesigen Papierschränken und Bildwerfern und allem möglichen Zeugs. Heute habe ich das kleinste Zimmer mit Tisch, Stuhl und Festplatte.

– Wolfgang Hülk

Das Filmstudio; eine große Halle, irgendwo in München, 5 Tage Dreh und ich stehe zwischen Hochhäusern, maßstabsgetreue Modelle, 1:8. Kompressor, ich brauche einen Kompressor, da ist einer, der Airbrush ist schnell angeschlossen und ich beginne, mit feinster Düse Graffiti an die Häuserwände zu sprühen, alles 1:8 versteht sich. Überhaupt, die Wände können auch noch schmutziger sein, soll ja echt aussehen nachher im Film. Eine Stylistin beklebt alte, graue und wuchtige Telefonhörer mit Rasta- und Punkfrisuren, zieht ihnen sogar kleine Jäckchen an.

– Ralf Zeigermann

Werkzeuge des Graphikers
[vor Einführung der Computer]
Ralf Zeigermann, 2012

188 Seiten, Fadenheftung, 28 cm x 25 cm
ISBN 978-3-931775-17-9
*** EUR 39,90 b / 37,29 n [D]